21. Workshop in Hamburg

21. Workshop vom 11.-13.11.2011

Freitag, 11.11.

Nach und nach kommen alle an. Es sind auch neue Gesichter dabei, worüber wir uns sehr freuen. Nach der Begrüßung wird das Thema des Abends vorgestellt: Seefahrt mit Kindern. Gleich kommt ein Gespräch über die eigenen Erfahrungen in Gang:

Eine unserer Mitglieder, Schiffsmechanikerin, fährt jetzt als 3. Ingenieurin und studiert nebenbei Nautik, beschäftigt sich in ihrer Abschlussarbeit mit der Frage, warum Seeleute aufhören. Meist geschieht das, wenn das erste Kind da ist. Die Arbeitsbedingungen sind in den Unternehmen an Land in den letzten Jahren deutlich familienfreundlicher geworden. Und man hat das Gefühl, dass die Seefahrt, was die Arbeitsbedingungen anbelangt, stehen geblieben ist. Für die Reedereien geht mit jedem Ausstieg Know-How verloren. Sie müssen sehen, wie sie die Leute, die sie ausbilden, langfristig in der Seefahrt halten können. Es gibt noch zu wenige Modelle dafür.

Ein älteres Verbandsmitglied hat Radio- und Fernsehtechnik gelernt und etwa acht Jahre als Funkerin gearbeitet, dann Familie gegründet. Ihr Mann fuhr weiter zur See.

Außerdem ist heute eine Journalistin zu Gast. Sie hat für Mare einen Bericht geschrieben: Wie ist es für ein Kind, wenn die Mutter zur See fährt?

Nach der Vorstellungsrunde beginnt der Vortrag einer unserer Mitglieder: Schwanger zur See und mit Kind an Bord. Sie wollte immer Kinder, doch eine ärztliche Prognose schloss nahezu aus, dass sie jemals welche bekommen könne. So konzentrierte sie sich voll auf ihre Seefahrtskarriere.
Auf einer Reise als 1. Offizierin nach Rio de Janeiro 2007 bekam sie heftige Schmerzen. Mit Verdacht auf Blinddarmentzündung ging sie in Rio zum Arzt und bekam nach einigen Untersuchungen die Diagnose: Sie sind schwanger. Der Kapitän reagierte sehr positiv. Dabei spielte es eine wichtige Rolle, dass man sich bereits 1.5 Jahre kannte. Die Reederei war zunächst überrascht. Man einigte sich darauf, dass sie an Bord blieb, bis Ablösung kam. Sie ging weiter Wache, da sie nun beschwerdefrei war. Der Kapitän sicherte ihr zu, dass er hinter ihr stehe und sie eine Lösung finden würden, sollten Probleme auftreten. Besonderes Augenmerk wurde auf die Routenplanung gerichtet, um im Notfall schnell Hilfe bekommen zu können. Die Ablösung verzögert sich, doch die Schwangerschaft verlief weiterhin unproblematisch und ließ sich mit der Arbeit gut vereinen (allerdings wurden dabei einige Bestimmungen des deutschen Mutterschutzgesetzes von ihr „übersehen“) und als sie schließlich in Hamburg von Bord ging, war sie im fünften Monat.
Die letzten Wochen vor der Geburt hat sie dann in der Reederei an Land gearbeitet. Sie war mit Tätigkeiten bezüglich ISM und Claims betraut und fühlte sich im Reedereibüro nicht sehr wohl. Ein Bürojob war nichts für sie. Sie stellte jedoch fest: Es gibt sehr unterschiedliche Sichtweisen bei See- und Land-Personal und der Austausch tut beiden Seiten gut.
Nach der Elternzeit (14 Monate) kehrte sie wieder ins Berufsleben zurück, als Flaggenstaatsbesichtigerin und Hafenstaatkontrolleurin bei der Seeberufsgenossenschaft. Aber es fehlten ihr noch fünf Monate Fahrtzeit bis zum Kapitänspatent und sie suchte nach einem Weg, diese Zeit auszufahren. Inzwischen war sie alleinerziehend. Ihr Modell: Für einen Teil der Zeit sollte ihre Tochter mit an Bord. Die Personalchefin ihrer alten Reederei konnte sie für diese Idee gewinnen. Allerding wurde sie mit Fragen konfrontiert, die bei männlichen Kollegen gar kein Thema sind. Aus der umgekehrten Rollenverteilung ergeben sich neue Fragestellungen. Auch in ihrem privaten Umfeld stieß sie auf außerordentlich heftigen Widerstand.
Zusammen mit der Personalchefin entwickelte sie einen Plan: Die erste Reise würde sie ohne Kind machen, da es inzwischen eine ganze Weile her war, dass sie zuletzt gefahren war, und sie sich erst wieder einarbeiten sollte. Bei der zweiten Reise sollte das Kind mit. Sie organsierte eine Betreuerin, die auch mitfuhr, um das Kind zu versorgen. Und die dritte Reise – evtl. ihre erste Reise als Kapitän – würde sie dann wieder alleine machen. Der Widerstand gegen diese Idee war zum Teil heftig. Probleme tauchten auf: Zwei Kojen extra, zwei extra Plätze im Rettungsboot, mussten sein. Was, wenn Kind oder Betreuerin krank würden und das Schiff einen Umweg fahren müsste? Sie bot an, die Deviationsversicherung (ca. 500 Euro) selbst zu bezahlen. Dann war da die Verpflegungspauschale. Aber auch das ließ sich regeln. Um für alle Eventualitäten vorbereitet zu sein, begleitete sie einen Schiffsarzt auf einem Kreuzfahrtschiff, der häufiger auch Kinder behandeln musste. Sie lernte, was auf sie zukommen könnte und besorgte eine ganze Kiste mit
kindgerechten Medikamenten. Kurz bevor ihre Tochter an Bord kommen sollte, kam ein Anruf vom Jugendamt: Jemand hatte anonym Anzeige erstattet, weil er das Kindeswohl gefährdet sah. Doch die Personalchefin fing das ab, indem sie den Kinderschutz-Beauftragten einlud, sich vor Ort davon zu überzeugen, dass für das Kindeswohl aufs Beste gesorgt war.
All diesen „Herausforderungen“ sind mitreisende Ehefrauen und Kinder von männlichen Seeleuten nicht ausgesetzt. Auch fällt es auf, dass Frauen oft Frauen Steine in den Weg stellen, denn die Reise war nur nach einem Wechsel in der Personalabteilung möglich gewesen.
Retrospektiv war die Reise ein voller Erfolg. Mit Planschbecken auf dem Kapitänsdeck und Luftmatratzenhüpfen in der Kajüte konnte das Kind sich austoben. Die Mutter organisierte ihre Arbeit so, dass sie sich jeden Tag einige Stunden Zeit für das Kind nahm. Und die Betreuerin kümmerte sich während der Wache und stand auch bei außergewöhnlichen Einsätzen immer zur Verfügung. Nach anfänglicher Scheu wegen der Hautfarbe und der fremden Sprache fand das Kind dann auch Kontakt zur Besatzung. Für das Kind wie auch für die Erwachsenen wurde das zu einer besonderen Reise, die sie so schnell nicht vergessen werden.
Sie hat einiges getan, um die Reise mit ihrer Tochter möglich zu machen. Es waren nicht nur die logistischen und organisatorischen Dinge, die sie vorausschauend bis ins Detail bedacht und geplant hat, wie z.B. eine Krankenschwester als Betreuerin für ihre Tochter auszuwählen. Ihr strategisches Denken wie das Warten auf den richtigen Zeitpunkt und die „richtigen“ Verbündeten um Unterstützung zu bitten, brauchten sehr viel Energie. Auch war es keine billige Angelegenheit, denn ein Großteil ihres Lohns ging für die Unkosten drauf. Energie und Geld musste sie aufbringen für ihren Traum und weil sie eine Frau ist.

Danach berichten noch einige andere Frauen, wie sie den Spagat Seefahrt-Kinder für sich gelöst haben:

Sie wollte immer Kinder und Familie haben UND zur See fahren, und sah nicht, dass sich das ausschloss. Beim Verband Deutscher Reeder wurde ihr gesagt: In der Schiffsmechaniker-Ausbildung haben die Frauen meist Probleme. Später im Studium laufe es besser. Dann heiraten sie und dann sind sie sowieso weg vom Fenster, also lohnt sich das nicht. In der Reederei hat der Personalvorgesetzte gesagt: Die Frauen müssen sich erst noch bezahlt machen. Da habe ich mir vorgenommen, ich werde fahren, was auch immer kommt. Nach einem Todesfall in ihrer Familie war die Situation anders. Sie wollte in der Nähe ihrer Familie sein und suchte sich eine Stelle in der Schweiz. Sie vereinbarte mit ihrer Firma und einer Reederei eine Teilzeit-Lösung und fuhr vier Monate im Jahr zur See während sie in den verbleibenden acht Monaten
an Land arbeitete. 2002 ist sie schwanger geworden, 2004 nochmals eingestiegen. Ihr Vater hat auf das Kind aufgepasst. Später hat sie sechs Jahre lang als Projektmanagerin den Bau von 2- und 4-Takt-Motoren betreut vom Vertragsabschluss bis zur Probefahrt. Während dieser Zeit war sie zwei Jahre mit ihrem Sohn für die Firma in China. Im Moment arbeitet sie in der Entwicklung von 2-Taktmotoren im Bereich Projektmanagement. Berufstätigkeit und Familie schließen sich bei ihr immer noch nicht aus.

Sie hat in Elsfleth studiert, ein Austauschsemester in Südafrika gemacht und kam schwanger zurück. Hat das Studium dann unterstützt von einer Tagesmutter abgeschlossen. Anschließend ist sie in ihr Heimatland Schweiz zurückgekehrt und hat dort Pflege-Eltern für ihren Sohn gesucht. Da ist er jetzt schon seit neun Jahren und lebt in zwei Familien. Für das Praxissemester – da war er anderthalb – hat sie eine Spezialregelung getroffen: drei Monate fahren, eine Reise aussetzen, wieder fahren. Während sie unterwegs ist, trifft die Pflegefamilie alle wichtigen Entscheidungen für ihren Sohn, allerdings sind sie dazu verpflichtet, zu versuchen, sie zu erreichen. Anfangs war das schwieriger, inzwischen haben ihre Schiffe Email und sind oft in Küstennähe, wo auch Handy-Empfang ist. Sie ist erst Combi-Freighter bei einer Schweizer Reederei gefahren, mit langen Fahrtzeiten bis zu sechs Monaten. Danach hat sie sich weitergebildet auf Dynamic Positioning und arbeitet jetzt im Offshore-Bereich. Die Reisen sind dort viel kürzer und die Arbeit ist spannend.

Sie hat Nautik studiert und kleines Maschinenpatent. Zuletzt hat sie auf einem Lotsenversetzboot gearbeitet. Gerade im Mutterschutz. Aber schwanger im Januar bei Windstärke zehn auf der Nordsee zu sein, war keine gute Idee. Schließlich war sie so entkräftet, dass der Kapitän ein Veto einlegte. Ihre Ärztin bescheinigte daraufhin, dass sie bis zur Geburt nicht arbeiten dürfe, also auch nicht im Büro der Reederei an Land. Dadurch blieb es ihr erspart, zwischen ihrem Wohnort in Kiel und dem Reedereisitz in Bremerhaven zu pendeln. Inzwischen ist ihre Tochter sechs Wochen alt und nach der Elternzeit möchte sie wieder fahren. Ihr gefällt die Arbeit auf Spezialschiffen. Da ist die Chance auf kürzere Fahrtzeiten größer. Bei vielen Reedereien sind da zwei Wochen on - zwei Wochen off Standard. Es gibt Kontakt an Land über Email und Handy. Voraussetzung für diese Arbeit ist meist das kleine Maschinenpatent. Wenn man das hat, ist es relativ leicht, in diesem Bereich einen Job zu finden.

In der anschließenden Diskussion geht es unter anderem um die Frage, wie sich Beruf und Familie künftig auch in der Seefahrt vereinbaren lassen werden. Es wurde deutlich, dass dies nicht nur für die seefahrenden Frauen und Männer von Vorteil wäre, sondern auch für die Reedereien, die ihr hochqualifiziertes Personal dann nicht mehr an Kraftwerke und andere Anlagen an Land verlieren.

Weiter kam das Thema Altersversorgung/Rente auf. Wir haben eine steigende Anzahl Mitglieder, die nun Rentnerin sind oder bald werden. Die Frauen aus dieser Generation haben oft nicht durchgehend gearbeitet, weil sie sich eine gewisse Zeit lang um die Familie gekümmert haben oder nach der Auflösung der DDR arbeitslos wurden. Dementsprechend gering fallen die Renten aus. Auch die jüngeren Mitglieder beschäftigen sich mit der Frage, wie Arbeit und Familie vereinbar sind. Das Rentenalter ist für sie jedoch noch so weit weg, dass Vorsorge für die Zeit nach dem Berufsleben noch kein großes Thema ist.

Samstag, 12.11.

Die Mitgliederversammlung fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Nach getaner Arbeit brachen alle zu einem Abendessen in einem Hamburger Restaurant auf.

Nach dem Abendessen vergnügten sich einige noch beim Hamburger Dom oder mit einem Verdauungsspaziergang entlang der Elbe.

Sonntag, 13.11.

Für die Frühaufsteherinnen war ein Besuch beim Fischmarkt noch vor dem Frühstück drin.

Nach dem Frühstück ging es auf zum Gewürzmuseum. Einige hängten noch einen Besuch im Afghanischen Museum mit Tee Degustation im unteren Stock an.

Anschließend gingen wir zu Fuß zum Zollmuseum, was auch sehr interessant war. Es wurden alle entdeckten Verstecke der Schmuggler gezeigt natürlich nicht nur das, sondern auch die Historie des Zolls.

Von dort wanderten wir quer durch die Hafencity entlang der unterschiedlichen Terrassen zurück zur Fähre Sandtorhöftanleger und fuhren zum Neumühlenanleger, um auf der Stettin unseren Hunger von Resten des Vortages zu stillen. Nachdem alles weggeputzt und die Kammern sauber und alles aufgeräumt war, machten sich auch die
Letzten auf, um nach Hause zu gehen.

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