30. Workshop in Elsfleth

30. Workshop vom 04.-06.11.2016

Freitag, 04.11.

Der Workshop begann, wie sollte es auch anders sein, mit der Anreise der Teilnehmerinnen per Auto bzw. Bahn und dem Bezug der Unterkunft in den Internatsräumen der Elsflether Schiffsmechanikerschule. Nachdem das Gepäck verstaut war folgte das erste Highlight des Treffens: Um 1800 waren wir zum Nautischen Essen des Nautischen Vereins Niedersachsen in der Stadthalle versammelt, zu dem uns Herr Kapitän Horst Werner Janssen eingeladen hatte. Neben einem sehr leckeren Abendessen gehörten auch musikalische Untermalung durch den Elsflether-Visurgen Shanty Chor und eine Festrede des Niedersächsischen Wirtschaftsministers Olaf Lies zum Programm.

Samstag, 05.11.

Nach einem ausgiebigen Frühstück in der Schiffsmechanikerschule ging es für die Teilnehmerinnen des Workshops zu einer Busrundfahrt durch den benachbarten Hafen der Stadt Brake. Die vielen Informationen und Eindrücke dieser Fahrt in Kürze zusammengefasst: Die Stadt Brake wurde urkundlich erstmals im Mai 1384 im Zusammenhang mit einem nicht wieder einzudämmenden Deichbruch (auch als Brack bezeichnet) erwähnt und verfügt heute über zwei Handelshäfen:

  1. Der Binnenhafen dient hauptsächlich dem Umschlag von Futtermitteln und Rohstoffen für die Porzellanherstellung (z.B. Feldspat). Ansonsten liegen hier vereinzelte Fischerboote und Yachten. Er kann von der Weser aus über eine Schleuse erreicht werden.
  2. Der unmittelbar an der Weser gelegene Seehafen wiederum kann auch von großen Schüttgutschiffen angelaufen werden und gliedert sich in verschiedene Abschnitte:
  • Im südlichen Teil, der von der Firma „J. Müller“ betrieben wird, werden Futtermittel und Getreide angelandet und in großen, weithin sichtbaren Silos gelagert. Verladung von Schüttgütern findet hier keine statt, da die Reedereien für ihre Schiffe eine Mindestmitnahmemenge von 55.000 Tonnen festgelegt haben, was aufgrund des damit einhergehenden Tiefgangs und des Tidenhubs an der Weser im Braker Seehafen nicht realisierbar ist. Die Firma J. Müller gehört aus diesem Grund zu einem der stärksten Befürworter der angestrebten Weservertiefung. Während unserer Tour konnten wir sehen, wie hier von einem Frachter 48.000 Tonnen Soja aus Argentinien gelöscht wurden. Weiter ging es dann in einige der großen Lagerhallen. Hier wird unter anderem Palmschrot gelagert, ein Abfallprodukt aus der Palmölherstellung, das als Futtermittel weiterverwendet werden kann. Auch Zellulose für die Papierherstellung und Schwefel werden hier umgeschlagen. Der Schwefel erreicht den Hafen als Flüssigkeit in Eisenbahn Kesselwagen und wird im Hafen auf Tanker verladen oder verfestigt.
  • An den Südteil anschließend liegt die sogenannte „FETT“-Pier, an der Lebensmittelöle wie das bereits erwähnte Palmöl umgeschlagen werden. Zu dieser Anlage gehört ebenfalls eine kleine Raffinerie, die letzte in Deutschland, in der bis in die 50er Jahre auch Waltran von deutschen Walfangschiffen verarbeitet wurde. Heute lagert in den Tanks der Anlage kostbares Speiseöl.
  • Im Nordteil des Hafens findet Stückgutumschlag statt. Neben Teilen für Windkraftanlagen werden hier vor allem Stahlprodukte und Pipelineteile umgeschlagen.

Die Rundfahrt durch den Braker Hafen endete mit der Besichtigung einiger Lagerhallen für Soja und Getreide und einem Film des Betreibers Niedersachsenports über den Hafen, der für Interessierte im Internet unter www.youtube.com/watch?v=LO0wDuxpqFk zu finden ist.

Wieder zurück in Elsfleth gab es nach einem leckeren Mittagessen und einer kleinen Pause einen sehr interessanten Vortrag von einer unserer Seefrauen zum Thema "Lotsenversetzung auf Jade und Weser“: Draußen bei der Weseransteuerung liegt ein Mutterschiff. Zu diesem gehören ein Tender für Schiffe über drei Metern Freibord und ein kleiner Versetzer für Schiffe mit weniger als drei Meter Freibord.
Für das Versetzen der Lotsen gilt: Der Lotse fährt immer mit der See. Die Regel stammt von früher, als noch mit offenen Booten versetzt wurde, damit der Lotse nicht so viel Spritzwasser abbekommt. Die Regel wurde jedoch beibehalten, damit der Lotse nicht so durchgeschaukelt wird. Für das Mutterschiff bedeutet diese Regel, sich selbst entsprechend zu positionieren und die ein- und ausgehenden Schiffe auf einen entsprechenden Kurs zu schicken. Zudem muss bei kräftigerem Wind der Versetzer stets in Lee an- und ablegen. Gleichzeitig soll das Mutterschiff möglichst dicht an den ein- und ausgehenden Schiffen liegen. Besonders bei Ostwind kann dies zu gefährlichen Situationen führen, da das einkommende Schiff vor dem Mutterschiff andreht und durch die Drehung auf das Mutterschiff zutreibt (siehe Skizze).
Während das Versetzboot per Kran an Bord genommen wird, arbeitet der Tender mit drei Personen Besatzung in zwölf-Stunden-Schichten. An Bord kann nicht gekocht werden, daher gibt’s zu den Essenszeiten vom Mutterschiff einen Picknickkorb an Bord. Auch gebunkert wird über das Mutterschiff. Die Schiffe gehören dem Bundesministerium für Verkehr und werden vom Lotsbetriebsverein bereedert.

Nach diesem sehr interessanten und informativen Vortrag folgte der nächste: Hilfen für Reeder mit Schiffen unter deutscher Flagge.

  • Vorteile der Deutschen Flagge: Spitzenplätze im Ranking; Seltene Hafenstaatskontrollen; Hohe Standards für Sicherheit, etc.
  • Hilfen: Finanzielle Hilfen für Lohnnebenkosten, Ausbildung, Weiterbildung; keine gewinnorientierte Verwaltung (geringe Gebühren)

Wie so oft im Leben stehen den Vorteilen leider auch gewisse Nachteile gegenüber:

  • Nachteil für kleine Reedereien: Förderungen gibt es nur für die Beförderung von Personen/Gütern zwischen/innerhalb ausländischer Häfen bzw. zwischen ausländischem Hafen und der hohen See
  • Nachteil für deutsche Seeleute: Der Lohnsteuereinbehalt gilt auch für ausländische Seeleute an Bord (die werden gezählt wie Deutsche nach Lohnsteuerklasse 1); Förderungen gibt es auch bei Kursen für deutsches Recht für Ausländer

Ob das eigentliche Ziel, seemännisches Know How zu sichern und Deutschland als Standort für Seeschifffahrt wieder attraktiver zu machen erreicht wurde, wurde am Ende des Vortrags lebhaft diskutiert.

Anschließend stand der nächste Workshop zur Diskussion.

Zum Abschluss des Tages gab es Curry-Huhn in der Elflether Kogge, zu dem Herr Kapitän Horst Werner Janssen als Ehrengast geladen war. Als besondere Überraschung schenkte Herr Janssen jeder Teilnehmerin des Workshops ein Buch über die Geschichte des Nautischen Vereins Niedersachsen mit persönlicher Widmung. Dafür ein ganz herzliches Dankeschön!

Sonntag, 06.11.

Nach dem Frühstück hörten wir einen Vortrag von Dr. Susanne Neumann über das „Maritime Cluster Norddeutschland“. Hierbei handelt es sich um ein staatlich gefördertes Netzwerk von Unternehmen und Einrichtungen aus dem maritimen Bereich der Norddeutschen Bundesländer. Hierdurch soll die Zusammenarbeit der angeschlossenen Unternehmen verbessert werden, wie etwa durch die Schaffung der Plattform „Service Point Kiel Kanal“, wo Wartungsleistungen u. ä. während der Kanalpassage von in der Region ansässigen Unternehmen angeboten werden. Außerdem soll durch die regelmäßige Durchführung von Workshops zu verschiedenen Themenbereichen die Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit der maritimen Wirtschaft gestärkt werden. Bei Forschungsprojekten kann somit besser auf die Probleme und Bedürfnisse der Unternehmen eingegangen werden.
Das Fazit des Vortrags, der zu angeregten Diskussionen über bestehende und mögliche künftige Projekte führte, war, dass auch als Konkurrenten nicht immer gegeneinander sondern in Teilbereichen auch miteinander gearbeitet werden kann. Dies dient dem Vorteil aller Beteiligten.

Der Workshop endete dann gegen Mittag leider wieder viel zu schnell und die Teilnehmerinnen traten den Heimweg an.

Lotsenversetzung auf Jade und Weser

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