Weihnachten an Bord 1976

Unser „Bulkie“ hat bei günstiger Wetterlage ein sehr gutes Etmal geschafft. Wir haben es nicht mehr weit bis Yokohama, wo unsere Ladung Kohlen gelöscht werden soll. Am 20.12., kurz vor Weihnachten, schickt unser Agent  über Yokohama Radio ein Telegramm, dass wir auf Außenreede warten müssen, da unser Liegeplatz noch nicht frei ist. Diese Nachricht verbreitet sich in Windeseile an Bord, und ausnahmslos alle sind sehr traurig, weil die Weihnachtspost das Wichtigste überhaupt ist - vor allem für die Filipinos, die immer sehr viele Briefe von ihren großen Familien erhalten.

Die Vorbereitungen an Bord laufen auf Hochtouren. Für die Funkerin, also für mich, gibt es wahnsinnig viel zu tun. Schon tagelang bin ich in der Funkstation nahezu Tag und Nacht beschäftigt, um die vielen Telegramme bei Norddeich- und Bernradio abzuholen. Gerade im Pazifik sind die Empfangsbedingungen nicht zu jeder Zeit günstig. Das kann sehr nervig werden, wenn man in der „Trafficlist“ ist und dann Glück hat, gehört zu werden und in die Warteliste auf Platz 15 geschickt wird. Für die Küstenfunkstellen und Funker fällt zu Weihnachten die meiste Arbeit des ganzen Jahres an. Da wir europäische Crew an Bord haben, kommen die meisten Privattelegramme über Norddeich Radio. Die geschäftlichen Weihnachtsgrüße in der Regel über Bernradio.

Unser Kapitän überlegt nicht lange und läßt ein Telegramm an den Agenten absenden mit der großen Bitte, die Weihnachtspost auf irgendeine Art  zur Außenreede befördern  zu lassen, falls wir bis Heiligabend nicht am Pier fest sind.

Ich sitze an meinem Empfänger auf heißen Kohlen und stoße einen Freudenschrei aus, der bis zur Brücke durchdringt, als ich von Yokohama Radio ein Telegramm empfange, dass wir Anker hieven können und der Lotse bestellt ist. Die Revierfahrt nach Yokohama ähnelt der zu anderen Welthäfen. Sowohl an Backbord- als auch an Steuerbordseite ist viel Industrie zu sehen. Auf dem Wasser tummeln sich viele Fischer in ihren kleinen Booten. Gleich, nachdem die Gangway zum Pier heruntergelassen ist, bringt der Agent einen großen Sack voller Weihnachtspost. Welch eine Freude, ich habe die schöne Aufgabe nach der Einklarierung, die Briefe an alle zu verteilen. Jeder verschwindet mit seinen Briefen zunächst, um für sich allein zu sein und die Familie nah an sich herankommen zu lassen, mit den geschriebenen Worten und Fotos. Ganz besonders überrascht bin ich, dass Yokohama längst den weihnachtlichen Kommerz aus Europa und Amerika übernommen hat.

Wir laufen kurz vor Heiligabend schon wieder aus. Das Löschen eines Bulkies geht sehr schnell. Es ist wunderbar, wieder auf See zu sein nach dem Trubel im Hafen.-- Seeleute auf See unter sich. – Unser Charterer schickt uns nach Port Dampier/Nordwest-Australien, um dort Eisenerz für
Gent/Belgien zu laden. Der Chiefmate holt den Weihnachtsbaum aus dem kühlen Store. Ich schmücke ihn und bereite auch die bunten Teller für alle vor. Alles wurde lange vorher für Weihnachten beim Schiffshändler eingekauft. Die Filipinos schmücken ihre Messe selbst. Sie sieht  sogar viel weihnachtlicher aus als die Offiziersmesse. 

Nach dem wunderbaren Abendessen mit vielen Meeresfrüchten genießt jeder den guten Punsch. Alle, die keine Wache haben, sind versammelt. Die Stimmung ist sehr harmonisch. Mit Tränen in den Augen erzählen einige Geschichten aus ihrem Familienleben, von den Lieben daheim. Die Filipinos zeigen sehr stolz die Fotos von ihren niedlichen Kindern. Statt Weihnachtslieder hören wir Folklore. Der Kapitän liest die Telegramme der Reederei und Agentur vor. Jeder erhält seinen bunten Teller, gefüllt mit Leckereien nach europäischer Art: Marzipan, Schokolade, Nüsse,  Feigen, Datteln, Lebkuchen und Obst. Punschseelig verlassen nach Mitternacht die meisten die Messe. Wir haben einen gemütlichen Heiligabend gemeinsam verbracht. Am 1. Weihnachtstag helfe ich unserem philippinischen Koch, die Weihnachtsgänse und den Rotkohl so zuzubereiten, wie wir es von zu Hause kennen. Der Koch ist noch nicht lange an Bord und froh darüber, meine Anleitung zu erhalten.

Je südlicher wir kommen, desto wärmer wird es. Wir haben Glück, ein Taifun hat sich bereits ausgetobt. Silvester werden wir bei großer Hitze in Port Dampier laden.

So war es mal bei mir vor 31 Jahren als Funkerin, in einem Beruf, der mittlerweile der Vergangenheit angehört. Schreibt doch mal auf, wie es bei Euch jetzt ist oder war. Ahoi  -  fröhliche Weihnachten Hannelore 

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