Wie ich zur Seefahrt kam

Mein Name ist Julia und ich bin 21 Jahre alt. Warum ich zur See fahre? Auf diese Frage habe ich mittlerweile mehrere Antworten parat. Für mich ist es kein großes Thema, dass Frauen zur See fahren. Aber in dem  ein oder anderen Gespräch wird nochmals explizit danach gefragt, ob das heute der Normalfall ist. Ja ist es! Und ich  denke, dass mich die selben Aspekte dazu bewegt haben, zur See zu fahren, als es auch bei den männlichen Kollegen der Fall ist.  

Ich bin in Hamburg groß geworden, genauer gesagt in Finkenwerder. Für die, die die ehemalige Insel nicht  kennen, Finkenwerder liegt direkt an der Elbe (südlich), ist eventuell bekannt durch den Airbusstandort und die "Scholle Finkenwerder Art". Ferner ist auf Höhe von Finkenwerder der Lotsenwechsel von/zum Hafenlotsen.  

Wenn man das Wasser schon vor der Tür hat, dann liegt  es nahe, dass man auch ein Boot hat. In diesem Fall hat  meine Familie ein Segelboot. Schon bevor ich überhaupt  krabbeln, laufen oder gar sprechen konnte, nämlich im  stolzen Alter von zwei Wochen, wurde ich mit an Bord  genommen und habe den ein oder anderen Törn  mitgemacht. Bis heute sind wir regelmäßig auf der Elbe,  Nord- oder Ostsee unterwegs. Ich bin also schon mit der Seefahrt groß geworden.  

Ein anderer Punkt, der oftmals bei Seeleuten der Fall ist, ist das "Seefahrerblut". Mein Großvater ist zunächst als  Matrose auf Bananendampfern und später als Kapitän auf seinem eigenen Fischkutter zur See gefahren. Seine Erzählungen über das Bordleben und die fremden Länder und Kulturen haben mich schon als Kind fasziniert. Klar, früher war Vieles anders, vielleicht auch besser, wenn man zum Beispiel die Liegezeiten und Landgänge betrachtet. Aber ich war dennoch schon recht früh davon überzeugt, beruflich in die Schifffahrt einzusteigen. Nun war es so, dass ich aber ja eine Frau bin. Da denkt man vielleicht noch  dreimal mehr über die Zukunft, Familienplanung und die  körperliche Arbeit nach. Zudem wurde mir, seitens meiner  Familie dazu geraten, etwas "Vernünftiges" zu lernen. Abenteuer? Seeräubergeschichten a la Capt'n Blaubär? Zur See fahren ist vielleicht nicht unbedingt vernünftig. Also habe ich nach dem Abitur erstmal an Land angeheuert und eine Ausbildung zur Schifffahrtskauffrau gemacht. Besonders während meines Einsatzes im Büro direkt am CTA packte mich das Reisefieber. Ich habe zusammen mit den Kollegen einen Bordbesuch nach dem nächsten gemacht, Papiere und  Geld an Bord gebracht. Am liebsten wäre ich jedes Mal einfach da geblieben und mit auf Reisen  gegangen. Rückblickend betrachtet, habe ich wichtige Grundlagen und Abläufe in der Schifffahrt  kennengelernt und hatte auch im Büro meinen Spaß. Dennoch wollte ich den Kreislauf schließen und die Seeseite kennenlernen. Deswegen habe ich nun im Sommer 2016 dem Büro den Rücken zugewendet und meine Ausbildung zur Nautischen Offiziersassistentin angefangen. Endlich auch  beruflich auf's Wasser und Abenteuer erleben. Mittlerweile habe ich schon drei Reisen hinter mir und kann sagen, dass mir der Job an Bord echt gefällt und die Familienplanung noch etwas warten  muss.  

 Bisher ging es für mich von Nordeuropa an die Ostküste Amerikas und in den Golf von Mexico.  Am Anfang der Ausbildung stand die Gruppenreise für mich und meine neun NOA-Kollegen auf dem Programm. Hier lernten wir die Grundlagen und theoretischen Grundlagen kennen. Nicht  einmal 24 Stunden an Bord und wir durften bereits zum Steuern antanzen. Die Crew und  insbesondere unsere Ausbilder haben uns dabei gut auf das Bordleben und die folgenden  Einzelreisen vorbereitet. Trotzdem war die Aufregung groß, als es dann das erste Mal auf  Einzelreise ging. Die letzte Reise war besonders spannend, da wir das Schiff verkauft haben und  die neue Crew mit dem Schiff vertraut machen mussten. Die Erfahrungen und Erlebnisse, die man auf See macht, sind einfach einzigartig und werden mich mein Leben lang begleiten. Ich werde  voraussichtlich zum Sommersemester 2018 in Elsfleth mit dem Nautik-Studium starten. Ja, nun mag sich der ein oder andere an den Kopf fassen (wie so oft) und fragen warum gerade in diesem  Kaff? Bereits während des Basic Safety, der Technikwoche und während der Schnuppertage habe ich in Elsfleth auch meine Freizeit verbracht.  

Irgendwie habe ich mich in Elsfleth verliebt. Finkenwerder ist genauso ein Kaff und solange ich das Wasser vor der Tür habe (auch wenn es die Weser/Hunte ist, was als Hamburger ja eigentlich  gar nicht geht), fühle ich mich wohl. Ich mag es beschaulich und wenn jeder jeden kennt, hat das  ja manchmal auch seine Vorteile.  

Wo mein Weg letztendlich hinführt, bleibt  offen. Aber die Richtung ist schon mal eine gute Aussicht. Erstmal geht es für  mich nun wieder auf Entdeckungsreise,  nach Asien. Fremder Kontinent, andere Kulturen, neues Fahrtgebiet, größeres   Schiff, die Vorfreude ist groß.

Auf diesem Weg, viele Grüße an alle  
Mädels da draußen! 

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