Auf der BUCENTAUR, 2007

Hallo, ihr Seefrauen da draußen in der Welt verstreut. Leider herrschte in letzter Zeit  Schreibflaute bei mir. Zum Teil war es langweilig und zum Teil nicht sehr schön. Wieder einmal versuchte ein Kapitän, mich von Bord zu graulen. Im Nachhinein kam mir der Gedanke, dass das nicht viel mit mir, meiner Arbeit oder mit mir als Frau zu tun hatte. Der Betreffende ist eine sehr unsichere Person, der mit seiner Position offenbar überfordert ist.
Jedenfalls nahm ich sein Getue sehr persönlich und wehrte mich: Ich schrieb der Reederei, dass ich so nicht arbeiten könne. Also boten sie mir einen Job auf einem anderen Schiff an. Im September sollte ich einsteigen. Als ich dann im September mal so schüchtern nachhakte, hieß es, das Schiff komme erst im November nach Europa, aber sie könnten mich an eine norwegische Reederei weiterleiten, mit der sie eng zusammen arbeiteten. 

20. Oktober 07: Überraschungen

Und hier bin ich nun auf der BUCENTAUR1 mit norwegischer und philippinischer Crew. Die Wissenschaftler sind noch bunter zusammengemischt: Niederländer, Engländer, ein Däne, einer aus Kroatien und sogar ein Östereicher ist dabei.
Schon am Flughafen noch in Zürich erwartete mich die erste Überraschung. Ich flog Business-Class! Sehr gemütlich!
Dann auf dem Schiff die zweite Überraschung: Ich gehe jetzt 12 Stunden am Stück Wache. Von Mitternacht bis mittags. Aber nicht alleine. Der Chief Mate und ich wechseln uns etwa jede Stunde ab, wie es gerade kommt. Stets tragen wir kleine Kämpfe um den Sessel vor dem Radar oder der DP-Konsole2 zwischen uns aus. Es geht immer darum wer sich nun ausruhen darf/muss und wer sich dem Schreibkram widmen darf/muss. Aber wir kommen super miteinander aus, wohingegen der Kapitän mir mit mehr Skepsis begegnet! Naja, mal wieder, hatten wir ja alles schon...

Ein Rundgang

Weil das Schiff mit einem Bohrturm ausgerüstet ist, befinden sich sämtliche Aufbauten  auf der BUCENTAUR vorn. Die Brücke ist riesig! Wenn wir fahren sitzen wir vorn und schauen auf das Radar und nach draußen. Der AB3 geht auch mit Wache, sodass wir immer mindestens zu dritt sind. Auch die ganzen Abteilungen mit den individuellen Büros sind auf der Brücke: Die beiden „Client-Reps“ verfügen über eine Art „Box“ oder Kabine, dann kommt – wenn man an der Backbord Seite nach Hinten läuft - der Kartentisch, daneben ist gleich das „Büro“ des Chief Mate. Dann ragt das riesige Pult des Kapitäns in den Raum. Wenn man sich daran vorbeigezwängt hat, steht man vor der DP-Konsole und einer großen Fensterfront, die den Blick auf den Bohrturm,
„Derrick“ genannt, ermöglicht.
Auf der Steuerbord Seite haben die Surveyor ihr Revier. Das erleichtert die Kommunikation zwischen Nautik und Wissenschaft ungemein. Aber auf der  BUCENTAUR läuft sowieso einiges anders als auf meinem letzten Schiff. Dort waren wir Nautiker mehr oder weniger von den Wissenschaftlern geduldet, was wir wiederum dadurch quittierten, dass wir die Wissenschaftler als „Cargo“ bezeichneten (und das war noch der netteste Ausdruck).  
Hier jedoch haben die Nautiker das Sagen. Die Surveyor müssen sich nach uns richten, und die Techniker, die unten am „Derrick“ sitzen, dürfen sowieso erst starten, wenn wir das „OK“ geben.
Der Kapitän und der Chief Mate sind schon seit über 20 Jahren auf diesem Schiff und lassen sich nichts sagen und nichts vormachen, egal, wie oft das Management auch wechselt! Tja - und da kommt nun so jemand wie ich und bringt Verwirrung ins Team und einen frischen – etwas jüngeren - Wind an Bord …
Aber zurück zu unserem Rundgang: Hinter der DP-Konsole steht ein quadratischer Tisch im Raum, der als „Meeting Point“ dient. Ein Stück weiter befindet sich das Pult der beiden Mates, mein Arbeitsplatz also, den ich mir mit meinem Mitstreiter teile. Geht man nochmals an der Clientrep-box vorbei sind wir wieder vorne angelangt, wo sich auch die Kaffeeecke befindet. Endlich mal wieder ein Schiff mit einer Kaffeemaschine auf der Brücke! Das Thema war auf der FUGRO MERIDIAN ein Kampf mit dem lieben Kapitän, aus dem ich leider nicht als Siegerin hervor ging. Aber glücklicherweise sieht es auf der BUCENTAUR anders aus. Jeder von uns darf/muss mal Kaffee kochen. Der Chief Mate bestimmt in der Regel, wer an der Reihe ist, es sein denn, jemand meldet sich freiwillig.  Um 3 Uhr morgens kommt immer der AB mit Kuchen; dann muss natürlich auch gleich ein frischer Kaffee her! Alle 6 Stunden gibt es in der Messe etwas zu essen, also um Mitternacht und dann wieder um 6 Uhr morgens. Nach dem Frühstück kommt meist die Krise, denn 12 Stunden Wache am Stück ist wirklich eine lange Zeit! Aber nach Sonnenaufgang, zurzeit zwischen 8 und 9 Uhr, geht es meistens wieder. So ab 10 Uhr wacht dann langsam die andere Wache auf, die nach und nach auf der Brücke erscheint. Jeder kommentiert das Wetter, raucht auf der Nock eine Zigarette und nimmt sich einen Kaffee. Ab 10.30 Uhr kommt meistens auch der Kapitän hoch. Dann ist meine Wache fast um und mein Bett nicht mehr weit. Immer um 12.00 Uhr mittags und um Mitternacht haben die Abteilungsleiter, hier „Heads of Departments“, ein Meeting. Während der andere Mate und ich Wachübergabe machen, besprechen sich die
„hohen“ Herren.   
Bei den Norwegern ist auch die Bezeichnung anders: Ich bin hier Junior 1. Offizier, also eigentlich 1. Offizier. Das „Junior“ ist nur, damit die andern uns auseinander halten können, denn wir sind zwei 1. Offiziere. Ich bin also „einfach so“ befördert worden.  

Soweit erst Mal, bis dahin, Michel


1 Siehe dazu: http://www2.tu-berlin.de/fb10/MAT/hyace/status/status.htm oder auch: http://www.fugro.com/
2 DP = dynamic positioning
3 AB = able seaman

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