Workshop in Lübeck

33. Frauen zur See Workshop vom 09.-11.11.2018 in Lübeck

In diesem Jahr trafen sich 17 Frauen in der Jugendherberge vor dem Burgtor in Lübeck.


Freitag:


Nach dem gemeinsamen Abendessen versammelten wir uns im Gruppenraum der Jugendherberge.
Ulla eröffnete das Treffen mit einer Vorstellungsrunde aller anwesenden.
Neben den bekannten Mitgliedern stellten sich fünf neue Frauen vor:


Franka-Maria kommt aus der Tradi-Schiffahrt und ist hauptberuflich Ingenieurin und Professorin an
der Hochschule Stralsund für technische Mechanik und Thermodynamik. Sie strebt ein STCW Patent
an, das sie in Holland machen wird. Zusätzlich ist sie freiwillige Seenotretterin und hat
Astronavigation als Hobby. Wer während der Nautikausbildung Hilfe in allen mathematisch
angehauchten Themen braucht, kann sich gerne an sie wenden.


Irene kommt ebenfalls aus der Tradi-Schifffahrt. Sie war kurz bei der Marine, brach dies aber ab. Nun
studiert sie im 6. Semester Nautik in Elsfleth. Ihr Praxissemester hat sie bei ATR auf Kümos gemacht.

Lisa ist schon seit einem Jahr bei den Seefrauen, war aber bisher noch bei keinem Workshop dabei.
Sie studierte in Warnemünde Nautik, fuhr bei verschiedenen Reedereien. Da sie aus der Tradisegler-Szene kommt, machte sie daraufhin das holländische Patent. Sie fuhr als Steuerfrau auf der Avontuur, Kümo Hoogeland, und
bei Greenpeace. Ihr nächstes Projekt ist ein Job bei Ofcon im Marine Coordination Center.


Sarah studiert in Elsfleth Nautik im dritten Semester. Sie segelt auch. Bei der Tanker Reederei
Büttner fuhr sie als NOA.


Olivia studiert gerade noch Kulturwissenschaften und Literatur. Danach möchte sie
Schiffsmechanikerin werden und Nautik studieren. In Fragen zur interkulturellen Kompetenz hilft sie
gerne weiter.

Vorträge:
Nicole zeigte Fotos aus ihrer Kümofahrt auf „Simon B“ als Chief Mate. „Simon B“ kann bis zu 2200 t
im Sommer laden und fährt in der Nordsee und Ostsee (dort überwiegend). Ladungen sind:
Stahlprodukte: Steel Coils, Brammen, Stahlplatten, Stahlträger, Roheisen, Schrott. Getreideprodukte:
Weizen, Roggen, Gerste, Mais, Raps, Rapsschrot, Sojaschrot. Andere Bulk Ladungen: Splitt, Salz,
Dünger, Gips, Zuckerrüben Hackschnitzel, Pellets aus Zuckerrüben, Holzpellets. Projektladungen:
Windradteile wie lange Rohre, Rohrschuss, Segmente, Deckel, Plattformen, Stahlkonstruktionen,
Maschinenanlagen wie Transformatoren, überwiegend mit selber Laschen.


Patrizia berichtete, was seit ihrem letzten Vortrag in der Fahrt auf holländischen Traditionsseglern
passiert ist. Sie fuhr letztes Jahr auf der „Swaensborgh“ und strebt an, in zwei Jahren dort als
Kapitänin zu fahren. Die „Swaensborgh“ ist ein Dreimasttopsegelschoner und wird von einem
Kapitän, einem Steuermann und einem Matrosen gefahren. Das Fahrtgebiet ist vor allem die Ostsee
und es kommen bis zu 32 Passagiere mit, die selbstverständlich beim Segeln mit eingebunden
werden. Die „Swaensborgh“ kann von Gruppen aller Art gechartert werden. Häufig sind es
Schulklassen.


Im Anschluss an die Vorträge saßen wir noch lange zusammen und tauschten uns angeregt über die
Geschehnisse seit dem letzten Workshop aus.

Samstag: 


Hafenrundfahrt 1130 bis 1230
Auf einer gemütlichen kleinen alten Barkasse trafen wir uns beim Anleger an der Untertrave. Die
Fahrt führte zunächst nach Norden unter der Holstenbrücke hindurch, vorbei an Salzspeichern und
Holstentor zur linken und Altstadt zur rechten. In der Altstadt steht das ehemalige Zollhaus. An der
Stelle war früher eine Kette über die Trave gespannt. Wollte ein Schiff den Hafen verlassen, so
musste es erst den Zoll entrichten bevor die Kette abgesenkt wurde.

Weiter ging es entlang des Oldtimerhafens. Dort liegen Schiffe holländischer Bauart, ehemalige
Fischerboote, ein Ewer, ein Nachbau eines Frachtschiffes aus der Hansezeit und das ehemalige
Feuerschiff Fehmarnbelt, das in Brake gebaut wurde.
Hinter der Drehbrücke gelangt man in den Hansahafen, der früher für den Stückgutumschlag genutzt
wurde und nun mit 6 Metern Wassertiefe zu flach ist. Im Folgenden passierten wir am Westufer
einen Museums-Schwergutkran, der 40 t heben konnte. Dahinter geht es in den Wallhafen. Es folgt
die ehemalige Lübecker Schiffswerft, die nun zur Reparatur von Baggern und Kränen sowie Bau von
Windkraftanlagen genutzt wird. Am Ostufer liegt das Werk der Firma Brügge, die Müsli und
Cornflakes produziert. Dort drehten wir um und fuhren Richtung Altstadtinsel, um diese im
Uhrzeigersinn zu umrunden.

Von der Untertrave fuhren wir unter der Hubbrücke hindurch in den Klughafen und die Kanaltrave,
die die Altstadtinsel im Norden und Osten umgeben. Lübeck wird auch als Stadt der 7 Türme
bezeichnet, die man vom Wasser aus gut sehen kann. Bei der Umrundung erhielten wir schöne
Ansichten von Stadttor, Stadtmauer mit Wallanlagen. Die alte Stadtmauer war 8 bis 10 Meter hoch.
Alle 500 Meter befand sich ein Mauerhaus, in dem die Stadt Soldaten zur Sicherung einquartierte.
Zeitweilig sicherten 1200 Kanonen die Stadt. Kurios ist ein Turm, der zwar alt aussieht, aber in
Wirklichkeit ein ehemaliger Luftschutzbunker ist, dessen Beseitigung nicht möglich war und der dann
stadtbildgerecht umbaut wurde.
Im Süden der Altstadt befindet sich am Kaisertor das Gebäude der alten Navigationsschule, die nun
geschlossen ist und nach Flensburg verlegt wurde. Ein kleiner Schlenker führte uns durch eine sehr
nah am Wasser gebaute Kleingartenkolonie, deren Häuser auf Stelzen stehen.
Beim Mühlengraben stehen zwei Gebäude, die bis 1957 als Wassermühlen im Betrieb waren. In
einem wurde Weizen gemahlen, in dem anderen Roggen. Hatte die Wakenitz nicht genug Wasser
geführt, um die Mühlenteiche zu füllen, musste das Getreide im Gebäude der Rossmühle mit
Pferdestärken gemahlen werden.

Auch schön anzusehen waren die Häuser der Gänge und die Gebäude ehemaliger Speicher und
Lagergebäude. Bei Hochwasser, das bis zu 2 m über dem normalen Wasserstand ausfallen kann,
werden diese Gebäude im Erdgeschoss überflutet. Auch das jetzige Mönchslager ist ein
Luftschutzbunker, der im Aussehen des ursprünglichen Mönchslagers umbaut wurde.
Im Anschluss an die Hafenrundfahrt teilten wir uns auf und erkundeten die Altstadt und deren
Kaffees in kleineren Gruppen. Wieder in der Jugendherberge trafen wir uns am Nachmittag im
Gruppenraum, um Verbandsangelegenheiten zu besprechen.


Zu Abend aßen wir an einer langen Tafel im traditionellen Saal der Schiffergesellschaft Lübeck. Dort
saßen wir unter einem großen Kerzenleuchter im vollen Vertrauen auf die mittelalterliche Statik der
Deckenbalkenkonstruktion und ließen uns von sehr adretten Kellnern verwöhnen. Den Abend ließen
wir dann in gemütlicher Runde im Speiseraum der Jugendherberge ausklingen.

Sonntag:


Am Sonntag genossen wir eine Führung im Hansemuseum. Neben den allgemeinen Erläuterungen zu
Geographie, Politik und Wirtschaft wurde es so manch interessantes Detail erzählt.
Besonders wichtige Häfen waren Brügge als Knotenpunkt zum Mittelmeerhandel und Nowgorod für
den Handel nach Asien. Schiffe waren für die Hansekaufleute die schnellsten Transportmittel. Die
Stadt Lübeck hat sich ihre Rechte durch Schummelei erwirkt. Erst nach der Entdeckung Amerikas
verlor die Hanse an Bedeutung. Dem letzten Hansetag wohnten nur noch sechs Städte bei. Lediglich
Hamburg, Bremen und Lübeck sind niemals aus dem Hansebund ausgetreten.
In den Anfängen der Schifffahrt wurden die Koggen von den Kaufleuten selbst geführt. Die Reise nach
Nowgorod dauerte ein Halbes Jahr, wobei das letzte Stück über den See und Fluss mit kleineren
Booten erfolgte. Zweimal im Jahr brachen Kaufleute in den Osten auf. Sie fuhren immer an der Küste
entlang und ankerten bei ungünstigem Wetter. Um sich vor Piraten zu schützen, führten sie

Schwerter und Rüstung mit. Als Proviant dienten auch Hühner, die man kopfüber anband, woraufhin
diese sich nicht mehr bewegten und lange frisch blieben. Fässer waren die „Container“ von damals
und zerbrechliche Güter wurden in Butter gegossen, die nach dem Erkalten als Transportschutz
diente. Auch ein Priester war dabei, er diente als Dolmetscher und stellte sicher, dass niemand beim
Ableben ohne Sterbesakramente in die Hölle musste. Während der Abwesenheit der Männer führten
die Frauen die Geschäfte zuhause. Erst später wurden die Söhne losgeschickt und Mannschaften
angeheuert.

Im Anschluss an die Führung endete der Workshop. Die meisten Seefrauen reisten ab, einige wenige
saßen noch bei Kaffee und Kuchen im Museumskaffee zusammen und ließen das schöne Treffen
ausklingen.

(Dieser Bericht wurde geschrieben von Nicole, kleine Nachbearbeitung und Ergänzungen von Jutta
und Ria.)

 

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